Jugend für Dora e.V.

 

 

Ellrich - mehr als ein Projekt

Nach fast einjährigen Vorbereitungen führte uns das dritte Jugend für Dora Sommer-Workcamp 1998 erstmalig aus der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora hinaus in die Region auf das Gelände des größten Außenlagers des KZ Mittelbau Komplexes nach Ellrich-Juliushütte.

Die sich über zwei Bundesländer (Niedersachsen/Thüringen) erstreckende Lage des ehemaligen KZ-Geländes, zudem in einem naturräumlich geschützten Gebiet gelegen, erforderte einige Anstrengungen, um die Genehmigung für Ausgrabungen im Bereich von zwei Fundamenten zu erlangen. Diese waren mit Auflagen verbunden: zum einen der Pflege der freigelegten Baureste zum anderen mit der von uns bedachten Erarbeitung eines Informationssystems für das ehemalige Außenlagergelände.
Zwei intensive internationale Workcampwochen im August 1998 brachten eine Vielzahl von Informationen zur Lage einzelner Baracken und der Lagergrenze ans Licht. Doch wie in anderen JfD-Projekten bildete das Ende des Workcamps erst den Anfang für eine Vielzahl weiterer Projekte und Aktivitäten der kommenden Jahre. So entstand in den folgenden Monaten eine erste große Informationstafel zur Geschichte des Außenlagers, welche anlässlich eines Vereinstreffens im Juni 1999 im Eingangsbereich errichtet wurde. Dieses Treffen war zugleich verbunden mit einer öffentlichen Veranstaltung in Nordhausen, in der das Buch des ehemaligen Häftlings des KZ-Ellrich Adolf Gawalewicz "im Warteraum zum Gas", durch seinen Übersetzer Friedrich Leidinger vorgestellt und diskutiert wurde.

Weitere sechs Informationstafeln wurden bis zum Sommer 2001 erarbeitet und in deutscher, englischer und französischer Sprache entlang des existierenden Rundweges aufgestellt. Auf diese Weise soll den Besuchern des Ortes Grundinformationen zur Geschichte, der Funktion des Lagers im Lagerkomplex Mittelbau und zu einzelnen Funktionsgebäuden vermittelt werden. Eine einzelne Tafel zitiert individuelle Erlebnisse von Überlebenden verschiedener Länder. Zeitgleich entstand ein Faltblatt zur Orientierung, ebenfalls in dreisprachiger Ausführung. Die Umsetzung des Informationssystems und der Materialien wurde Dank der Förderung aus Mitteln der Europäischen Union möglich. Ein wesentlicher Teil der zweiten Veröffentlichung über die Vereinstätigkeit vom Frühsommer 2000 widmet sich der Geschichte des Außenlagers Ellrich-Juliushütte und unserer Arbeit an dem Ort.

Anlässlich der Gedenktage der Befreiung der Südharzer Lager im April 2001 hielt JfD am Ort Ellrich-Juliushütte eine Lesung, bei der in fünf Sprachen (Deutsch, Französisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch) Ausschnitte aus Erlebnisberichten von Überlebenden Ellrich-Häftlingen gelesen wurden.

Im Sommer 2003 kehrten wir erneut mit einem Workcamp-Projekt nach Ellrich und an die KZ Baustellen verbindende Bahnlinie zwischen Ellrich und Nordhausen zurück. Im Eingangsbereich des KZ errichteten wir ein Pochoir, ein als Silhouette gesprühtes Bild des ehemaligen Lagereingangs des KZ Ellrich, für welches ein historisches Foto Grundlage bildete. Das zwei Meter hohe und etwas breitere Bild prägte über mehrere Jahre den ersten Eindruck des Gedenkortes, bis es im Frühjahr 2007 bei einem Unwetter zerstört wurde.

Der Rahmen des Sommercamps 2003 reichte wesentlich über Ellrich hinaus und richtete sich auf die Beziehungen zwischen Lagern und Zivilleben, zwischen historischen Orten und deren heutiger Sichtbarkeit und Bekanntheit. In diesem Sinne errichteten wir an vier Orten von KZ-Baustellen entlang der Bahnlinie zwischen Ellrich und Nordhausen, auf denen maßgeblich Ellrich-Häftlinge arbeiten mussten, Installationen aus Holz und Metall. Leider war deren Bestand zeitlich begrenzt, sowohl aufgrund von Zerstörung, als auch der Vereinbarung mit den jeweiligen Grundstückseigentümern. Erhalten bleibt das angesprochene Thema bis heute in Form des zeitgleich erarbeiteten Faltblattes zu den jeweiligen Baustellen sowie deren Rolle im KZ System.

In den folgenden zwei Jahren 2004/ 2005 konnte Dank der Unterstützung der französischen Vereinigung der ehemaligen Häftlinge, des Schachtbau Nordhausen sowie der Kreissparkasse Nordhausen die Informationstafel im Eingangsbereich erneuert werden.

Im Verlauf dieser Arbeiten konkretisierten sich seit 2005 in häufigeren Gesprächen mit der französischen Vereinigung weitere Notwendigkeiten und Prioritäten zur besseren Ausgestaltung des Gedenkortes des ehemaligen KZ Ellrich-Juliushütte. Diese mündeten schließlich in einem langsam wachsenden und zunehmenden Ellrich Projekt. Zugleich wurden diese Bemühungen auch innerhalb der Gedenkstätte und im Bereit der Gedenkstättenstiftung mit Überlebenden besprochen.

So trafen sich im Januar 2007 erstmalig Vertreter der Stadt Ellrich, der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, der französischen Association sowie von Jugend für Dora, um in einer gemeinsamen Kooperation die Pflege und Entwicklung des Geländes zu besprechen. Zusammen wird derzeit an einem umfangreichen Projekt gearbeitet, das neben dem besseren Wegeausbau und dem Errichten weiterer Informationen eine Neugestaltung des ehemaligen Eingangsbereiches sowie des ehemaligen Appellplatzes als Prioritäten hat.

Die Auseinandersetzung mit der Ellricher Geschichte geht über den KZ Gedenkort Ellrich Juliushütte hinaus. So entstand bereits 2001 eine weitere Informationstafel am Standort des ehemaligen Außenlagers "Bürgergarten" im Ellricher Ortskern.

Über zeitliche Schwellen hinweg ging Jugend für Dora zusammen mit dem Verein "Schrankenlos e.V." im Mai 2002 in einem Seminar vor Ort den Fragen von "Fremd sein in Ellrich" nach. Der Blick in die Kleinstadt Ellrich lässt zu unterschiedlichen Zeiten Gruppen hervortreten, die von der Mehrheit der Bevölkerung als Fremde empfunden wurden: Juden, Roma und Sinti, KZ Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge, Alliierte Soldaten bis hin zu den heutigen Asylbewerbern. Das Seminar fand wenig Resonanz in Ellrich und doch markierte es für unseren Verein einen großen Schritt und die Öffnung zu neuen Fragen.

Ellrich ist keine etablierte Gedenkstätte, aber sei es nun vor Ort im Südharz oder unterwegs auf Studienreisen, der Ellrich-Bezug blieb uns stets erhalten, nicht zuletzt durch Gespräche mit Überlebenden des Lagers oder deren Angehörigen in Nordhausen, in Belgien, Frankreich, Polen oder Tschechien.


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